Me(e)hr in Sicht!

Nach über 1’000 Kilometern, einer Mautgebühr von gut 100 Euro (jaja, ich kenn den Trick. Doch nur schon beim Gedanken daran hätte ich mir fast ins Höschen machen können), zwei Tagen Autobahn und zwei Zwischenhalten, führte meine Weiterfahrt ans erste Ziel – die Adresse einer Flugschule – durch Caen, die Hauptstadt der Basse-Normandie nach Port-en-Bessin-Huppain.

Auf dem TomTom-Display verfolgte ich mit je länger je grösserer Genugtuung, wie der Pfeil meines Standorts immer näher in Richtung Atlantikküste rückte. Nebst dem Garagentor-Moment (lies hier) der zweitgrösste Augenblick, den ich mir lange vor meiner Reise bildlich und kitschigschön vorgestellt hatte: Ein mächtiger Schiffshafen, vor dem sich der tiefblaue Ozean bis zum Horizont auftut, auf dessen Wogen sich grosse und kleine Schiffe bewegen.

Autobahn, Fahrt über eine Brücke in Caen ohne Blick aufs Meer und Ankunft in Port-en-Bessin (sorry für die schlechte Qualität – ist eh überbewertet):

Obwohl ich dem Meer seit fast einem Jahr physikalisch gesehen nicht mehr so nahe war –  ich sah es nicht. Kein tiefblauer Ozean, kein Hafen, keine Schiffe. Auch nicht, als ich über eine riesige Brücke über Caen fuhr (siehe Video oben). Der wunderbare Anblick von Schnellstrassen, Verkehr und Häusern bot sich mir weitere 45 Minuten. «Nur Geduld», versuchte ich mir einzureden. Noch war ich nicht am Ziel.

Das etwas heruntergekommene Gebäude der Flugschule befand sich direkt neben einem kleinen Hafen. Die Organisation sah nicht nur geschlossen aus, sie war es auch. In einem Schaufenster machten von der Sonneinstrahlung verblasste Bilder und Aushänge Werbung für Tandemflüge und Kurse. Daneben zeigte eine ebenfalls stark verblasste Karte Fluggebiete in der Region auf.

BeFunky_IMG_9869Ich drückte meine Nase gegen die verstaubte Glastüre. Im Dunkeln sah ich Gurtzeuge an einem Ständer hängen, eine Ladentheke, dahinter klebten Poster mit Gleitschirmmotiven. Kein Mensch. An der Türe standen die Öffnungszeiten. Daneben ein Zettel mit dem Vermerk: Der Fluglehrer sei momentan nicht da, aber er sei ganz geschwind wieder zurück. Vielleicht kreise er grad über meinem Kopf (Scherzkeks). Man könne ihn auf seinem Handy erreichen. Auf seinem Anrufbeantworter stammelte ich mein Anliegen in meinem bescheidenen französisch und bat um einen Rückruf (der nie kam, denn die Flugschule blieb auch die nächsten fünf Tage geschlossen).

Mein Blick schweifte über das Meer. Wie sehr hatte ich es vermisst. Eine auffrischende Meeresbrise blies mir Haarsträhnen aus dem Gesicht. Linearer Meereswind aus Richtung Nord-Nordost. Optimale Flugbedingungen. Etwas hinter dem Gebäude entdeckte ich einen kleinen Spazierweg, der auf eine Klippe führte. Ist da ein Startplatz? Nach wie vor weit und breit kein Gleitschirm am Himmel.

Auf einem Steinmonument neben dem Parkplatz des Hafens flatterten drei Landesflaggen: Eine amerikanische, französische und britische. Vor einem Sturmangriff auf die Deutschen im zweiten Weltkrieg landeten am 6. Juni 1944 – dem D-Day – die Westalliierten in der Normandie an den Stränden dieser Region. Die Strandabschnite, auf denen die US-Amerikaner landeten, hiessen fortan Utah und Omaha Beach, die der Briten Gold und Sword Beach und derBeFunky_IMG_9871 Landestrand der Kanadier wurde zum Juno Beach.

In einem der Restaurants direkt am Meer bestellte ich ein französisches Bier aus einem Holzfässchen. Es war rötlich und süss wie Sirup. Das war und tat gut. Erst jetzt fiel mir die Schönheit des Hafenstädtchens auf: Pflastersteingässchen, die sich zwischen kleinen Ladenlokalen, Restaurants und Pubs schlängelten, angesiedelt vor einem kleinen, gepflegten Hafen. Eine Handvoll Segelschiffe zierte die Weiten des königsblauen Ozeans, begleitet vom Kreischen der Möwen und fröhlichen Kinderlachens, das einem nahegelegenen Karussell entsprang. Kitsch kann so grossartig sein!

Die geschlossene Flugschule und die Tatsache, dass ich keinen Plan hatte, wo es hier fliegt, kratzten mich fortan nicht mehr gross. Endlich war ich am Meer. Der Frieden.

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